To-Go-Becher-Unbehagen

Unbehagen am To-Go-Prinzip

In ihrem Essay „Die City: Straßenleben in der geplanten Stadt“ nimmt die Germanistin und Journalistin Hannelore Schlaffer Zeitgeist-Erscheinungen unter die Lupe, die spätestens auf den zweiten Blick irritieren: Rasche Bedürfnis-Befriedigung, die keinen Aufschub kennt, geht einher mit Stil-Losigkeit. „Fast life“ mit dem zugehörigen „fast food“ spielt sich von Hamburg bis Montreal in tendenziell  uniformen Stadt-Zentren ab. Diagnose: Fehlplanung. Fazit: Im öffentlichen Raum geht es atmosphärisch bergab.

Einmal kulturkritisch in Schwung unterstellt Schlaffer den trendigen Konsumenten schlicht „Trinksucht“ und fragt bissig, ob die allgegenwärtigen Gesundheitstipps, die quasi ständige Flüssigkeitsaufnahme empfehlen - damit nur ja der Leistungspegel nicht sinkt - einen Anteil daran haben. Für die Autorin (und Hochschullehrerin: Freiburg, München, Melbourne) setzt sich die „Entwürdigung“ des öffentlichen Raumes bruchlos an den Hochschulen fort: „Die Jugend trinkt, wo sie geht und steht. Im Hörsaal stellt sie den Pappbecher vor sich aufs Pult …“

to-go-Becher-Müll im Herrngarten

Ein Balanceakt mit der Umwelt: Mit den jährlich verbrauchten Bechern könnte man ca. 149 Mal  den Herrngarten komplett zustellen.

Besser bechern? Andere Trend-Beobachter äußern sich eher ökologisch besorgt

Dem Mitglied des Bundestages Matthias Gastel etwa gilt der To-Go-Becher als ein Symbol der Wegwerfgesellschaft. Er meint, dass es guter Konzepte bedarf, um Verschmutzung, Emissionen und Ressourcenverbrauch zu verringern. Das Freiburger Pool-System zum Beispiel funktioniere auf Mehrweg-Pfand-Basis. In 16 beteiligten Cafés oder Backshops der Innenstadt gibt es dort inzwischen tatsächlich Becher, die man dann auch in den anderen Geschäften des Pools zurückgeben kann.

Gastel: „Aber auch jeder Einzelne kann etwas unternehmen: beispielsweise eigene Mehrwegbecher benutzen soweit möglich, oder sich ein paar Minuten Zeit nehmen und den Kaffee vor Ort aus langlebigen Tassen trinken.“

Kampagne angedacht

Sich Zeit nehmen, funktioniert das? Auch das Studierendenwerk Darmstadt will den hohen Verkaufsanteil von Heißgetränken in Pappbechern senken. Es führt ihn aber auch darauf zurück, dass die Studierenden oft wenig Möglichkeit haben in Ruhe zu pausieren. Ab ins Seminar heißt doch die Devise. Auch wer weit zu seiner Hochschule fährt, hat sicher manchmal guten Grund, seinen straff organisierten Alltag zeitlich, wenn auch minimal, zu entlasten. Also schlürft man halt in Bewegung.

Dem To Go-Prinzip kategorisch abzuschwören scheint also keine Lösung. Bleibt die Frage, ob dazu angeregt werden kann, die Konsum-Gewohnheit zu hinterfragen. Nicht immer fehlt es an ein paar Minuten Zeit. Oft gibt der Trend den Takt vor. Hand aufs Herz: Der Griff zur Einweg-Pappe ist einfach „in” und: super bequem.

Unsere Idee ist deshalb die Visualisierung mit Texten. Speziell gestaltete Becher sollen dazu anregen, weniger davon zu nutzen. Die Umsetzung des visuellen Konzepts mag je nach Motiv drastisch wirken, aber wir setzen darauf in den Köpfen der Gäste etwas zu bewegen, die Balance mit der Umwelt zu überdenken - siehe Bild oben. Auf der Becher-Rückseite wird über die To-Go-Dynamik informiert und sollen Alternativen aufgezeigt werden.

Porzellan, Thermo, Preisaufschlag …

Denn auch die Einladung an die Gäste den eigenen Thermo-Becher bei uns zu befüllen könnte den Anteil an Pappe senken. Daneben wird die Steuerung des Verbrauchs durch 30 Cent Aufschlag (zurzeit 20 Cent) geprüft. Hierfür kommen BIO-(FSC)-Becher aus Maisstärke in Frage. Diese verrotten wesentlich schneller als andere Verbundstoff-Gefäße – immerhin ein ökologischer Vorteil.

Kooperationen mit anderen lokalen Akteuren, vielleicht mit Fokus auf einen Mehrweg- „Campus“- oder sogar „Darmstadt“-Becher steht das Studierendenwerk ebenfalls offen gegenüber.

 

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Zahlen & Fakten

Jedes Jahr werden 3 Milliarden Becher weggeworfen. Das sind 320.000 Einwegbecher jede Stunde, 89 Becher pro Sekunde.

Durch die Herstellung inkl. Deckel entstehen jährlich 111.000 Tonnen CO2-Emissionen.

Für die benötigte Pappe werden jährlich ca. 40.000 Bäume geschlagen und 1,5 Milliarden Liter Wasser verbraucht, d. h. pro Becher ein halber Liter, mehr als die Menge, die darin serviert wird.

In den zwölf Mensen, Bistros, Kaffee-Bars des Studierendenwerks werden jährlich rund 187.000 Pappbecher verbraucht.

Allein aus der Mensa Schöfferstraße wandern pro Jahr ca. 25.000 Pappbecher in den Müll.

75 % der Heißgetränke werden dort „togo“ konsumiert.